Ich bin hochsensibel, Du auch?

Ich bin hochsensibel, Du auch?

Schon seit ich denken kann hatte ich das Gefühl „anders“ zu sein: In Gruppen fühle ich mich schnell unwohl, ich gehe schwer Freundschaften ein und finde Small-Talk anstrengend; ich lese gern und viel, kann stundenlang über Sinnfragen grübeln, bin sehr empfindlich, was Gerüche, Licht und Geräusche betrifft. Ich bin gern allein und unternehme lange Waldspaziergänge.

In meinem erlernten Beruf als Juristin habe ich zwar schnell Karriere gemacht; es wurde mir aber viel Unverständnis für meine Intuition in Vertragsverhandlungen und mein Rückzugsbedürfnis nach anstrengenden Sitzungen oder meinen Wunsch nach regelmäßigen Mittagspausen ohne Job-Gespräche entgegen gebracht. Auch Mobbing ist für mich leider kein Fremdwort.

Damals erkrankte ich an Burnout. Bei meiner Genesung habe ich mich intensiv mit mir selbst auseinandergesetzt, auch mit Hilfe eines Coachs. Eines Tages stieß ich in einer Buchhandlung auf ein Buch mit dem Titel „Sind Sie hochsensibel?“ von Elain Aron. Ich fühlte mich sofort angesprochen, kaufte es und las es an einem Tag komplett durch. Ich habe mich sofort erkannt, fühlte mich erstmals in meinen Leben völlig angenommen und verstanden. Seither beschäftige ich mich damit und habe mein Leben in den letzten Jahren völlig verändert.

Wie ich inzwischen weiß, ist das eine klassische Hochsensiblen-Lebensgeschichte….

Was bedeutet „hochsensibel“?

Kann Dich das laute Ticken einer Uhr in Deiner Umgebung, der aufdringliche Rasierwasser-Geruch des Kollegen in einer Besprechung, das grelle Sonnenlicht an manchen Tagen komplett aus der Bahn werfen? Bist Du nach einigen Stunden im Einkaufszentrum oder einem längeren Sightseeing-Trip völlig am Ende? Fühlst Du Dich auf großen Feiern unwohl, strengt Small-Talk Dich an?

Dann geht es Dir wie mir; vielleicht bist auch Du „hochsensibel“ oder „hochsensitiv“. Die Begriffe sind identisch und es ist eher Geschmackssache, welchen man verwendet.

Was ist das, diese „Hochsensibilität“, fragst Du Dich jetzt vielleicht? Ich bin doch keine hysterische Heulsuse!

Der Begriff der hochsensiblen Menschen (highly sensitive people/kurz HSP) wurde in den 90er Jahren von Elaine Aron, einer amerikanischen Professorin, Psychologin und Psychotherapeutin, eingeführt.

Jeder Mensch nimmt Informationen aus seiner Umwelt auf und verarbeitet sie. Bei fast allen Menschen wird ein Großteil der Informationen jedoch aus der Wahrnehmung herausgefiltert, bevor das Gehirn sie verarbeitet. Hochsensible Menschen haben im Vergleich dazu eine herabgesetzte Wahrnehmungsschwelle. Sie haben ein Nervensystem, das sie Feinheiten besser wahrnehmen lässt. Zudem verarbeiten sie Informationen tiefer und detailgenauer. Letztlich kann man sagen, der Filter vor dem Gehirn der Hochsensiblen funktioniert nicht so gut…. Nach verschiedenen Angaben tritt dieses Phänomen  bei ca. 10 – 20 % aller Menschen auf, unabhängig vom Geschlecht. Ein Wissenschaftler der Universität München dagegen schätzt die Häufigkeit der Hochsensibilität auf etwa ein bis drei Prozent.

Hochsensible Farbwahrnehmung
Hochsensible nehmen vieles intensiver wahr, wie z.B. Farben oder Gerüche. Die Blumen auf dem Bild leuchten aber tatsächlich so intensiv.

Was hat das für Auswirkungen?

Durch die verstärkte Wahrnehmung reagieren diese Menschen oft stärker auf Reize, also Gerüche, Farben, Licht, Koffein, Hektik, Lärm etc. Das kann zu Überstimulation und somit zu Stress führen.

Alles wird intensiver erlebt, sowohl äußeres als auch inneres. So kann manches wie z. B der eingangs erwähnte Besuch in einem Einkaufszentrum rasch zu Überstimulation führen, es ist zu laut, zu viele Menschen, zu viele Düfte und Farben…. Gefühlsmäßig erleben sich Hochsensitive oft als Außenseiter. „Ich habe mich schon immer anders gefühlt. In Gruppen habe ich meist das Gefühl, ich gehöre nicht wirklich dazu. Ich denke gern und viel nach und bin gern allein, höchstens zu zweit. Sonst wird mir schnell alles zu viel“, so beschreiben sich viele Hochsensible. Trotzdem erlebt jeder Hochsensibilität unterschiedlich, manche nehmen äußere Reize stärker wahr, andere zwischenmenschliches oder ihr eigenes inneres Geschehen.

Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass Hochsensible mehr Informationen aufnehmen und verarbeiten als Nicht-Hochsensible. Sie sind im wahrsten Sinn des Wortes feinfühlig. Und das kann anstrengend sein. So anstrengend, dass der Körper, wenn man das Bedürfnis nach Ruhe und Rückzug dauernd ignoriert, auch mit Schmerzen oder Unruhe reagieren kann. Das ist ein klares Stop-Signal: Du brauchst mehr Pausen und mehr Zeit für Dich. Die gute Seite von Hochsensibilität ist aber, dass man auch schöne Dinge und Erlebnisse intensiver wahrnimmt. Ein Waldspaziergang kann für einen von „uns“ viel schöner sein als für einen „Normalo“, weil man die Kleinigkeiten intensiver nimmt. Bei einem Sonnenaufgang kann einem das Herz aufgehen und man kann sich innerlich noch den ganzen Tag daran erfreuen.

Hochsensible sind oft nachdenkliche Menschen, die ein ausgeprägtes Wertesystem haben. Viele von ihnen beschäftigen sich intensiv mit Spiritualität, haben den Wunsch nach einem ganzheitlichen Leben.

Was ist Hochsensivität nicht?

Es ist keine Krankheit und auch keine psychische Störung. Es ist kein Autismus und keine bipolare Störung. Hochsensibilität ist auch nicht gleichzusetzen mit Hochbegabung.

Es ist nichts, hinter dem man sich verstecken sollte: Ich bin hochsensibel – ich brauche eine Sonderbehandlung. Es ist auch keine offizielle Diagnose, die ein Arzt stellt. Es ist ganz wertfrei einfach eine Eigenschaft. Übrigens nach Ansicht von Elaine Aron nicht mal eine menschliche – ihrer Ansicht nach gibt es diese Eigenschaft auch im Tierreich.

Was bringt Dir dieses Wissen?

Möglicherweise geht es Dir wie mir und anderen, die erstmals darüber lesen. Ich konnte Teile meiner Vergangenheit neu bewerten. Und, noch wichtiger: Dieses Wissen kann mir einen besseren Umgang mit mir selbst ermöglichen. Ich verstehe nun mein Bedürfnis nach Rückzug. Ich weiß, wie wichtig es ist, meine Grenzen rechtzeitig zu erkennen. Jeder Mensch hat seine Grenzen und sollte ein zu viel oder zu wenig an Stimulation vermeiden. Ich komme im Bezug auf Sinnesreize eben schneller an meine Grenzen als andere und respektiere das. Das ist eine Eigenschaft, so wie meine Haarfarbe oder meine Körpergröße.

Das war jetzt nur ein erster Überblick.

Hier auf meinem Blog werde ich noch einige Artikel dazu veröffentlichen. Es wird darin um Hochsensibilität und mögliche Auswirkungen im Beruf, im Alltag, in Beziehungen gehen.

Buchempfehlungen über Hochsensibilität

Zuletzt noch zum Einstieg, falls Dich das Thema interessiert, einige Buchempfehlungen (unbezahlte Werbung) und der Link zur Homepage des Informations- und Forschungsverbunds Hochsensibilität e.V (ich bin dort weder Mitglied noch bekomme ich für die Empfehlung einen Vorteil):

Der Klassiker von Elaine Aron: „Sind Sie hochsensibel?“

Mein Lieblingsbuch für Introvertierte von Susan Cain: „Still – Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt“

Birgit Trappmann-Korr: „Hochsensitiv: Einfach anders und trotzdem ganz normal“

Dr. Marianne Skarics: „sensibel KOMPETENT – Zart besaitet und erfolgreich im Beruf“

Nicole Lindner: „Feinfühligkeit trifft auf Berufsleben“

Rolf Sellin: „Wenn die Haut zu dünn ist“

Homepage des Informations- und Forschungsverbunds Hochsensibilität e.V: https://hochsensibel.org/startseite/infotext.php

Falls Du Fragen hast, schreib mir. Ich antworte Dir gern.

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