Schmerzpatienten und Haustiere: Beste Freunde

Schmerzpatienten und Haustiere: Beste Freunde

Als Kind hatte ich verschiedene Haustiere: erst einen Wellensittich, später Mäuse, Fische, als Teenager eine Katze… Mein Wellensittich Jossi war für mein 6-jähriges Ich mein bester Freund. (Natürlich ist mir heute klar, dass man Sittiche auf keinen Fall allein halten sollte und dass Jossi vermutlich nicht glücklich war.) Mit den Fischen und Mäuse konnte ich mich weniger anfreunden. Die Mäuse mit mir auch nicht – sie haben mich mehrfach gebissen. Meine Katze musste ich leider im Studium bei meinen Eltern zurücklassen. Lange Jahre hatte ich dann als Erwachsene kein Haustier, aus verschiedenen Gründen: Ich verbrachte wenig Zeit zuhause, ich arbeitete viel und wusste aus schmerzhafter Erfahrung, dass der Verlust eines Haustiers mir jedes Mal mein (hochsensibles) Herz zerreißt.

Während ich mich vor Jahren langsam aus dem Burnout zurück ins normale Leben gekämpft habe, habe ich mir nach reiflicher Überlegung einen Hund zugelegt. Und das war definitiv eine gute Entscheidung. Er bringt viel Freude, aber auch Struktur in meinen Alltag.

Gründe für ein Haustier trotz oder gerade wegen chronischer Schmerzen:

Warum empfehle ich Menschen mit chronischen Schmerzen oder Erkrankungen wie Migräne oder Fibromyalgie, über ein Haustier nachzudenken?

Menschen mit chronischen Schmerzen sind oft einsam. Die Schmerzen führen zu sozialer Isolation, Freunde melden sich immer seltener, man bekommt sogar in der Familie vielleicht nicht das nötige Verständnis. Im Arbeitsumfeld gilt man oft als Versager oder Drückeberger und wird gemieden. Chronische Schmerzen können auch zu depressiven Verstimmungen führen; man hat weniger Antrieb gut für sich zu sorgen, keinen Grund mehr, morgens überhaupt aufzustehen, rauszugehen. Es kann ein Teufelskreis entstehen.

Hier kann ein Haustier eine Verbesserung bewirken: Man fühlt sich weniger einsam; man kann mit einem Lebewesen sprechen (statt nur mit sich selbst oder der Wand). Man hat etwas zum Streicheln: Hautkontakt ist wichtig für unsere psychische Gesundheit (viele Gesunde merken das erst jetzt in Corona-Zeiten). Der Tag bekommt Struktur, denn man muss den tierischen Mitbewohner regelmäßig füttern, möglicherweise einen Käfig sauber halten. Mit einem Hund muss man mehrmals täglich rausgehen, man bewegt sich, kommt an die frische Luft und ans Tageslicht. Das alles ist neben der Fürsorge für das Tier auch Selbstfürsorge.

Was sollte man bei der Auswahl des Haustieres unbedingt beachten:

  1. Du brauchst eine Auffanglösung, wenn du zu krank bist, um das Tier zu versorgen, insbesondere bei Hunden. Es gibt hier z.B. Gassigeher (findest du über eine Kleinanzeige online oder in Supermärkten gibt es oft ein Schwarzes Brett für solche Anzeigen). Alternativ hast du vielleicht ein Familienmitglied dafür oder es gibt jemanden in der Nachbarschaft, der bereit ist, dich zu unterstützen.
  2. Kläre vorher eventuelle Allergien ab, insbesondere bei Tieren, die ein Fell haben. Du kannst das am besten mit Hilfe eines Allergietests in einer allergologischen Praxis machen. Falls du die Möglichkeit hast, kannst du das Tier auch erst besuchen, Zeit mit ihm verbringen und es streicheln. Im Tierheim oder falls das Tier in einer Pflegestelle lebt, sollte das gut möglich sein und sowieso sinnvoll, um das Tier besser kennenzulernen. Du merkst dann beim Streicheln aber auch ganz schnell, ob du Jucken, Hautausschlag, Niesen oder Atemnot bekommst. Ich bin z.B. leider inzwischen allergisch gegen Katzen; je länger deren Fell, desto heftiger reagiere ich. Ich bin auch allergisch gegen manche Hunde. Mein eigener Hund hat extrem kurzes Fell und kein Unterfell, deshalb habe ich bei ihm keine Probleme. Ich konnte ihn auf der Pflegestelle besuchen und so herausfinden, ob ich allergisch reagiere oder nicht. Natürlich dürfen auch Familienmitglieder, mit denen du zusammenlebst, keine Tierhaarallergie haben. Es nützt ja nichts, wenn du das Tier verträgst, aber jemand anderes, der mit dir auf engem Raum zusammenlebt, darauf mit Asthma reagiert.
  3. Neben den Anschaffungskosten für das Tier und den Dingen, die dein tierischer Mitbewohner zusätzlich zum Futter benötigt (z.B. Körbchen, Käfig, Aquarium mit Equipment, Leine, Katzentoilette mit Streu…), musst du ebenso einplanen: Die meisten Tiere benötigen jährliche Impfungen oder können krank werden. Es entstehen also Tierarztkosten. Mein Hund benötigte kürzlich eine Zahnsteinentfernung. Das hat mehrere Hundert Euro gekostet, weil dazu bei Tieren eine Vollnarkose erforderlich ist. Eine Impfung kann schon mal bis zu 100 Euro kosten.
  4. Überlege dir, welches Tier das richtige ist. Hund, Katze, Meerschweinchen, Fische, Pferd….. Es gibt viele Möglichkeiten, aber beachte bitte, dass es nicht nur um dein Wohl, sondern auch um das Wohl des Tieres gehen sollte.
    • Ein Hund muss mehrmals täglich bei jedem Wetter raus, da er nicht im Haus auf die Toilette gehen kann. Zudem braucht er Bewegung, sonst wird er krank. Hundefutter kostet umso mehr, je größer der Hund ist.  Möglicherweise musst du mit dem Hund in die Hundeschule. Hunderassen unterscheiden sich voneinander, nicht nur in der Größe, sondern auch im Verhalten. Nicht jeder Hund ist ein Familienhund oder eignet sich für eine kleine Wohnung. Von der Anschaffung eines süßen Welpen rate ich dir ab: Sie benötigen dieselbe intensive Versorgung wie ein Säugling. Schlaf kannst du da erst mal vergessen. Sie sind auch nicht automatisch stubenrein. Von einer Vorstellung solltest du dich beim Hund unbedingt verabschieden: Hunde können keine Gedanken lesen und sie können dir keine Wünsche von den Augen ablesen. Es ist harte Arbeit, bis ein Hund beim Gassi abrufbar ist, möglicherweise wird es auch nie klappen, je nach Rasse und Vorgeschichte.
    • Falls du dich für eine Katze entscheidest, stelle dich darauf ein, dass sie möglicherweise nicht deine Schlafzeiten hat. Meine Katze wollte grundsätzlich nachts draußen jagen, gegen 4 Uhr morgens reingelassen werden (was sie durch lautes Schreien vor meinem Schlafzimmerfenster kundgetan hat). Um 6 Uhr morgens wollte sie wieder rausgelassen werden (dieses Mal lautes Schreien vor meiner Schlafzimmertür).
    • Alternativ kann für manche ein Aquarium eine gute Lösung sein: Die Schwimmbewegungen der Fische können eine wohltuende und beruhigende Wirkung auf Menschen haben. Auch Fische benötigen tägliche Versorgung, allerdings nicht so intensiv wie ein Hund. Wahrscheinlich werden sie sogar nach einiger Zeit positiv auf dich reagieren, vielleicht an deinem Finger knabbern, wenn du sie fütterst. Auch ein Tier ohne Fell kann dir folglich guttun und du kannst eine Beziehung dazu aufbauen.

Bitte nicht vergessen: Tiere sind keine Ware

Ein Tier kann man nicht einfach „umtauschen“; manche Tiere werden bis zu 15 Jahre alt, Papageien und Schildkröten sogar noch älter. Überlege dir vor der Anschaffung deshalb gut, was für dich, deinen gesundheitlichen Zustand und deine Lebenssituation passend und vor allem machbar ist. Versuche vorher so viel wie möglich darüber herauszufinden, was auf dich zukommt: Was sind die Bedürfnisse des Tieres und wie kannst du diese gut erfüllen, ohne dich selbst zu überfordern. Falls du z.B. selbst unter Unruhe und Nervosität leidest, solltest du dir nicht unbedingt einen Angsthund zulegen, der traumatische Erfahrungen hinter sich hat. Ihr würdet Gefahr laufen, eure Unruhe gegenseitig zu verstärken. Beide sollen sich wohl fühlen, du und das Tier.

Ich freue mich jeden Tag wieder, wenn ich nach dem Aufstehen meinen Hund streichle, der sich übrigens für eine Katze hält und deshalb dann versucht vor Wonne zu schnurren. Ich hoffe, dass wir noch viele schöne Jahre zusammen erleben.

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